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Freitag, 21. März 2014

Asperger und Berührungen

Ständig berühren wir etwas. Wir berühren ein Tasse, das Handy, einen Sitz oder weiss nicht was alles sonst noch. Dieser Kontakt lässt uns eine Verbindung mit der Aussenwelt eingehen. Wir merken sie. Wien sind auf diese Berührungen angewiesen. Doch das alles sind Berührungen mit toter Materie. Sie hat kein Leben in sich. Gibt uns keine Rückmeldung. Mit Menschen jedoch verhält sich das anders.
Menschen berühren Menschen. Dies kann viele Gründe haben. Sei es der Partner berührt einem. Sei es in der ÖV, oder einfach beim Einkaufen. Wir kommen, ob wir wollen oder nicht, auch in Berührung mit anderen Menschen.
Ich mag das nicht. Ich mag nur die Berührungen meiner Frau. Sonst von keinem Menschen. Ich mag es nicht, wenn ich angefasst werden. Wenn ich berührt werde. Nun, wieso nicht? Das ist ja normal, oder nicht? Der Grund wieso nicht, habe ich lange selber nicht gewusst. Ich musste herausfinden wieso. Das war nicht so einfach. Dafür musste ich wissen, wie ich und wie die Muggel die Welt wahrnehmen. Musste erkennen, dass sie die Welt klarer sehen als ich. Das sie mehr registrieren, was um sie geschieht. Das sie andere Menschen wahrnehmen können, wenn diese neben ihnen stehen. Neben ihnen sind. Ich kann das nicht. Nun, ich wusste gar nicht, das man das können kann. Das es so was gibt. Das habe ich eines Tages einfach entdeckt. Danach war mir plötzlich klar wieso ich Berührungen nicht mag.
Ich erschrecke mich jedes Mal sehr. Denn eine Berührung kommt für mich plötzlich. Wie aus dem Nichts. Plötzlich ist da was oder besser geschrieben, jemand. Das bringt mich dann voll aus dem Konzept. Ich bin ruhig, bis mich jemand berührt. Ich kann voll ausrasten wenn das geschieht. Weiss aber heute, dass ich das nicht sollte. Meistens habe ich es im Griff, dass ich die Person einfach darauf hinweise, das mit dem Berühren zu unterlassen. Das ist besonders dann der Fall, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die mich nicht kennen. Die wissen ja noch nicht darum. Deshalb sage ich es ein einziges Mal. Das muss reichen. Schliesslich ist das ja etwas, was sich jeder einfach merken kann. So dachte ich jedenfalls. Aber dem ist nicht so. Es passiert immer wieder, das ich von Menschen berührt werde, die darum wissen. Sie tun dies nicht mit Absicht. Sie tun es, weil es für sie normal ist, und sie nicht daran denken, dass es mich stören könnte. Ja völlig aus dem Konzept bringen kann.
Da meine Aussenwahrnehmung stark eingeschränkt ist, bin ich selber auf Berührungen angewiesen. Ich berühre alles um mich. Alle Wände, Gegenstände. So kann ich sicher sein, dass sie da sind und ich nicht in sie hineinlaufe. Früher hatte ich immer wieder blaue Flecken oder Schrammen, weil ich einfach in alles Möglich hineingelaufen bin. Habe mich an allem Möglichen gestossen. Heute nicht mehr. Wenn ich durch einen Raum oder ein Gebäude gehe, sieht das aus, wie wenn ein Blinder ohne Stock geht. Das hat auch damit zutun, dass ich nicht 3D sehen kann. Was ich ja auch nicht wusste. Erst, als ich einen Film mal in 3D sah, erkannte ich, was 3D ist. Oder genauer, ich konnte erahnen, was 3D ist. Das ist das, was die Menschen brauchen, dass sie Distanzen einschätzen können. Das ihnen zeigt, wo im Raum was ist und wie weit die Gegenstände voneinander entfernt sind. Ich kann das nicht. Das ist auch einer der Gründe, wieso bei mir zu hause, alles exakt seinen Platz hat. So kann ich die Gegenstände ohne Probleme greifen.
Die Frage ist aber, wieso mir die Berührungen meiner Frau nichts ausmachen. Nun, ich weiss, ja, dass sie mich berühren wird. Wann und wo, weiss ich nicht. Aber das spielt in ihrem Fall keine Rolle. Sie ist meine Frau und daher darf sie mich berühren wie sie will. Obwohl ich sie liebe, kann ich sie nicht wahrnehmen. Ich weiss nie ob sie neben mir ist oder nicht. Weiss nie, wo sie ist. Daher sind Berührungen extrem wichtig. So weiss und merke ich, wo sie ist.
Berührungen sind wichtig. Sie helfen mir, mich durch diese Welt zu bewegen. Sie helfen mir, dass ich mich orientieren kann. Das ich mich in der Welt zurecht finden kann. Jahrelang wusste ich nicht darum. Erst mit der Diagnose begann ich solche Sachen, Stück für Stück herauszufinden. Heute kann ich sagen, dass mir die Diagnose mein Leben massiv vereinfacht hat. Klar, ich musste vieles herausfinden. Aber dies hat sich im nachhinein gelohnt.