Dieses Blog durchsuchen

Translate

Freitag, 11. April 2014

Asperger und die Aussenwahrnehmung

Was ich jahrelang nicht wusste ist, dass die Menschen die Umgebung wahrnehmen können. Sie können sie, fühlen. Sie können sie wahrnehmen. Wie auch immer. Ich wusste nicht, dass ich das nicht kann. Ja, wusste nicht einmal, dass man das können kann ganz zu schweigen davon, dass es das geben kann. Erst in der Klinik habe ich davon erfahren.
Ich versuchte dann herauszufinden, ob ich es wirklich nicht kann. Versuchte es monatelang. Aber ohne Erfolg. Ich kann es nicht. Kann meine Umgebung nicht fühlen. Ich weiss zum Bespiel nicht, ob ich draussen oder drinnen bin. Klar, weiss ich es, indem ich es sehe. Aber ich merke das nicht. Für mich gibt es weder ein draussen noch ein drinnen. Es gibt nur ein sein. Mehr nicht.
Das hat aber so seine negativen Seiten. Denn ich habe immer mal wieder blaue Flecken auf der Haut. Mal ist die Haut wieder aufgerissen. Mal sonst wie verkratzt. Ich weiss nie, woher die Verletzungen kommen. Ich merke das nicht. Ich weiss nur, dass ich mich regelmässig an Gegenstände stosse. Da ich die Umgebung nicht wahrnehmen kann, bewege ich mich auch schnell durch sie hindurch. Ich muss, wenn immer möglich, etwas berühren können, damit ich sicher bin, dass ich nicht dagegen laufe. Aber ich, damit ich die Distanz abschätzen kann. Denn das kann ich auch nicht. Vieles ist einfach Erfahrung. Aber stehen Gegenstände nicht da, wo sie sein sollen, wird es schwierig für mich. Da ich kein räumliches Sehen habe, muss ich mich wie ein Blinder durch die Welt tasten. Das sieht für Aussenstehende komisch aus. Für mich aber ist es normal.
Mit einer Sache jedoch habe ich wirklich Mühe. Den Treppen. Sie sind für mich der Horror. Täglich benutze ich sie. Aber ich kann auch heute noch nicht schnell auf ihnen gehen. Die Muggel sind da viel viel schneller als ich. Ich muss mich immer irgendwo festhalten können. Eine Treppe ohne Geländer oder Wand ist für mich das Grauen. Ich muss mich irgendwo festhalten können.
Die Aussenwahrnehmung ist aber auch deshalb wichtig, damit man andere Menschen fühlt. Das kann ich auch nicht. Ich kann andere Menschen nicht wahrnehmen. Nicht einmal meine eigene Frau. Das ist für mich nicht schlimm. Denn ich kenne es nicht anders. Aber wenn ich das jemandem erzähle, sind sie geschockt. Sie können sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die das nicht können.
Das hat aber auch sein Gutes. So kann ich mich einfach durch die Welt bewegen wie ich will. Das Problem ist nur, dass ich immer mal wieder in andere Menschen hineinlaufe, oder fast in sie hineinlaufe. Meine Frau hält mich meistens zurück. Nun, für mich sind die Menschen ja nicht vorhanden. Ich sehe sie schon. Aber wie weit sie von mir weg sind. Keine Ahnung. Sie merken. Nein. Nur, wenn sie Sprechen, dann kann ich sie wahrnehmen. Dann weiss ich wo sie sind. Dann passiert es auch nicht, dass ich in sie hineinlaufe. Es ist fast wie bei einer Fledermaus. Die verlässt sich auch auf ihre Ohren. So mache ich das auch. Ich verlasse mich auf meinen Hörsinn, statt auch den Sinn den ich nicht habe. Ich weiss nicht einmal, wie der Sinn heisst, die Umgebung und andere Menschen wahrzunehmen. Hat der überhaupt einen Namen?
Jedenfalls stört mich das alles nicht. Ich kenne es ja nicht anders. Weiss nicht, wie es ist, die Umgebung wahrzunehmen. Weiss nicht wie es ist andere Menschen zu fühlen. Weiss nicht wie es ist, ein Teil der Umgebung zu sein. Weiss das alles nicht. Für mich war es schwierig, als ich erfuhr, dass man das scheinbar können müsse. Das das NORMAL ist, das MAN das kann. Nun, mir ist es egal. Da ich nicht weiss, wie es anders ist, mache ich mir heute keine Gedanken mehr darüber. Ich lebe einfach. Bin so, wie ich bin.