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Samstag, 12. Oktober 2013

Asperger und die Diagnose

Das Leben geht seinen gewohnten Lauf. Alles ist wie es ist. Bis zu dem Tag, an welchem einem die Diagnose Asperger gestellt wird. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es war. Plötzlich war ich kein "normaler" Mensch mehr, sondern ein Behinderter. Plötzlich musste ich erkennen, dass ich doch anders bin, als die anderen. Dieser Umstand war für mich aber keine Belastung, sondern eine Befreiung. Ich musste zwar mit dem Umstand leben lernen, dass ich Autist bin, aber er war und ist zugleich auch eine Chance für ein neues Leben.
Die Diagnose Asperger hat für mich die Erkenntnis gebracht, dass mein Leben zuvor nicht das war, was es war. Dass ich immer etwas versucht habe, dass ich gar nicht konnte. Dass ich immer jemanden sein wollte, der ich nicht sein konnte. Ich lebte einfach. Stellte keine Fragen. Jedoch dachte ich immer und immer wieder :"Was bin ich...?" und nicht "Wer bin ich?" Nun, heute weiss ich was ich bin. Autist. Das war für mich zu Beginn etwas Neues. Ich wusste nicht einmal, was Asperger ist. Ich musste das bei Wikipedia nachschauen. Doch da entdeckte ich, dass vieles von dem, was ich bin, beschrieben wird. Endlich hatte ich etwas gefunden, was definiert, was ich bin. So wurde die Diagnose für mich zum Glücksfall.
Jedoch war ich zu diesem Zeitpunkt schon 36. Hatte also schon vieles ohne Diagnose erlebt und gemacht. Anders sieht es jedoch bei den Jungen aus. Die mit 16 oder so die Diagnose Asperger erhalten. Ihnen wird alles genommen. Sie werden von allen Seiten behütet. Alles wird ihnen abgenommen. Ihr Umfeld nimmt immer nur Rücksicht. Sie müssen nicht mehr kämpfen, wenn sie etwas erreichen wollen. Es heisst dann immer:"Er/sie ist halt Autist". Für mich ist das nicht gut. Wie wollen diese jungen Menschen lernen, dass man im Leben fast nichts geschenkt kriegt. Wie wollen sie lernen, dass man im Leben Ziele braucht. Dass man im Leben für sich einstehen muss. Wie?
Ich sehe das jeden Tag auf Arbeit. Sobald wir ein wenig mehr verlangen, brechen diese Jungen zusammen. Sie Weinen, kommen nicht mehr, sind krank. Sie sind es nicht gewohnt, dass ihnen Widerstand geboten wird. Das sie auch mal durchhalten müssen. Den Jungen mache ich keinen Vorwurf. Sie können nichts dafür. Wie auch? Sie sind das Produkt ihres Umfeldes. Die Eltern, die Therapeuten. Sie machen sie zu dem, was sie sind. Dabei, sollten die Jungen lernen, dass sie auch eine Persönlichkeit haben. Auch jemand sind. Auch was können. Und auch was erreichen wollen. Dafür braucht es aber einen starken Willen. Einen Willen, der ihnen genommen wurde. Sie sind eher wie lebende Tote, als wie Junge Menschen die das Leben entdecken wollen. Sie sitzen vor ihren PC's und machen was. Sie malen oder zeichnen. So kommt man nicht weiter. Wir versuchen ihnen zu zeigen, dass sie, wenn sie was wollen, dies auch erreichen können. Nur sie können sich weiter bringen. Niemand sonst.
Die Diagnose ist für mich selbst immer noch ein Segen. Ich verdiene mein Geld heute Dank ihr. Dank der Diagnose habe ich eine Stelle gefunden, die genau zu mir passt. Der Weg dazu, war nicht einfach. Er war hart. Doch das kämpfen und ausharren hatte sich am Ende doch gelohnt. Auch wenn ich immer mal wieder an das Aufgeben dachte. So habe ich es doch nicht gemacht. Heute bin ich froh, dass ich nicht aufgegeben habe, sondern durchgehalten habe. So wie ich es gelernt hatte. Wer was beginnt, sollte es auch zu Ende bringen. Dies haben mir meine Eltern beigebracht. Bis heute prägt mich das. Und ich versuche dies auch an die nächste Generation weiter zu geben.
Die Diagnose ist nur ein kleiner Baustein im Leben. Aber er ist wichtig. Wichtig, damit man erkennen lernt, wer man ist. Was man ist. Und auch für sich einstehen kann. Denn auch Asperger sind Menschen. Menschen mit Wünschen, Träumen und Ziele.