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Donnerstag, 5. Juni 2014

Asperger und das Unsichtbare

Muggel glauben nur was sie sehen können. Sie gehen davon aus, dass wenn man jemandem nicht ansieht, dass er eine Behinderung hat, er auch keine hat. Sie gehen dann einfach davon aus, das das Gegenüber so ist wie sie. Sie stellen den Unterschied erst im Laufe des Gespräches fest. Doch, wissen sie nicht, was das Verhalten des Anderen bedeutet. Sie können es nicht einordnen.
Der Autismus ist das Unsichtbare. Mir sieht man ihn nicht an. Nichts deutet auf ihn hin. Doch, wer mit mir spricht, der stellt den Unterschied schnell fest. Auch höre ich immer mal wieder von Muggel, dass sie gar keinen Unterschied feststellen. Nun, das hat seinen Grund. Für einpaar Minuten kann ich mich tarnen. Kann so tun, als ob ich ein Muggel wäre. Aber eben, nicht lange. Das Unsichtbare wird nach einer gewissen Zeit zum Sichtbaren. Nicht Körperlich, sondern im Verhalten, in der Sprache. Ich kann nur eine Sprache. Meine. Die ist direkt und klar. Ich kann das mit dem alles schön reden nicht. Kann nicht so tun, als ob alles in Ordnung ist, wenn dem nicht so ist.
Das Unsichtbare ist für mich aber auch noch etwas anderes. Es ist die Grenze zwischen den Muggel und uns. Die Grenze, welche wir nicht sehen, die aber da ist. Egal , was ich auch tue, ich werde nie ein Muggel. Egal was ich unternehme, so bleibe ich immer anderes. Damit musste ich mich abfinden. Das war zu Beginn nicht so einfach. Denn mein Leben lang, dachte ich immer ich sei wie die anderen. Nur eben anders. Aber wie die anderen. Dem ist, wie ich seit drei Jahren weiss, nicht so. Nun, ich musste also herausfinden, was der Unterschied ist, was das Unsichtbare ist. Und, wie kann ich das Unsichtbare für die anderen sichtbar machen. Muggel verstehen sonst nicht.
Der Weg dazu war nicht einfach. Doch ich denke, dass ich eine für mich machbare Lösung gefunden habe. Dies zum einen durch meine Arbeit, zum anderen durch mein Buch und diesen Blog. Es ist für mich der Weg, das Unsichtbare sichtbar zu machen.
Ich lebe mein Leben so, wie ich denke, dass es für mich stimmt. Es ist ein Leben, dass am Leben der Muggel vorbei geht. Ich schaue, dass ich so wenig wie möglich mit ihnen zu tun habe. Dies einfach darum, weil sie zu anstrengend für mich sind. Sie sind komisch und ich verstehe ihr verhalten nicht. Auch wenn ich mich mit ihnen befasst habe, so gibt es immer noch Vieles, das mir verborgen ist. Das für mich Unsichtbar ist. Das ich nie sehen werde. Da würden auch Trainings nichts bringen. Denn wenn ich nicht sehen kann, kann ich nicht sehen. Sprich, Gesichter sind mir ein Rätsel. Mimiken und Gestiken sowieso. Die sind für mich unsichtbar. Wohingegen sie für Muggel sichtbar sind. Sie verstehen diese Sprache. Sie können darauf eingehen. Ich nicht. Ich bin auf die Stimme angewiesen. Spricht jemand, nicht, so ist er nicht da. So ist er unsichtbar. Nur dass Wissen, dass ich nicht alleine bin, hält mich davon ab, nicht mit anderen zu sprechen.
Was aber für die Muggel unsichtbar ist, sind Töne und die Strukturen von Zahlen. Diese haben Farben und Formen. Die können die wenigsten Muggel sehen. Sie verstehen nicht, wie ich in Formen und Farben sprechen kann. Wie ich das mache. Nun, ich sehe sie einfach. Für mich ist das nichts Unsichtbares. Es ist in Teil dessen, was ich sehe. Ich denke, so hat jedes seinen Vorteil. Es ist für mich nicht die Frage, was besser oder schlechter ist, sondern wie wir diese Fähigkeiten gemeinsam nutzen können. Für sich alleine Nützen sie nichts. Sie werden erst dann wirklich sinnvoll, wenn Muggel und Autisten zusammenarbeiten. Wenn beide voneinander profitieren können. Wenn beiden voneinander lernen können. Zu sehen was sie sehen, zu fühlen, was sie fühlen, zu denken was sie denken. Das ist es doch, was so schwierig ist. Das ist für mich das grosse Rätsel. Ich weiss, dass ich das nie können kann. Aber ich frage nach. Frage und frage. Das ist nicht immer angenehm, aber nur so kann ich herausfinden, was ich nicht sehen kann. Nur so kann ich verstehen, wie die Muggel ticken. Kann sie verstehen und raste nicht immer gleich aus, weil ich sie nicht verstehe. Ich versuche durch fragen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Das was mir verborgen ist. Das was für die Muggel normal ist. Denn das, ist nicht für alle normal.